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08.05.2026 Kategorie: Wort zur Zeit

Gott schenke uns den Mut, den Mund aufzumachen

Wort zum Sonntag, 9.5.2026, von Tanja Klettke

Gestern waren wir auf dem Velpker Friedhof. Dort liegen 91 Babys, die im Zweiten Weltkrieg an Hunger und mangelhafter Pflege gestorben sind. Gedenk- und Namenstafeln erinnern daran. Es waren Kinder polnischer und russischer Zwangsarbeiterinnen, die in und um Velpke lebten. Sie sollten ihre Gene nicht weitergeben, sollten arbeiten und sich nicht um Kinder kümmern. Deshalb hat man den Müttern die Kinder weggenommen und sie in sogenannten Ausländerkinderpflegestätten untergebracht. Die gab es damals in Velpke, Rühen und an 60 anderen Orten allein in Niedersachsen. Etwa 100.000 Kinder sind auf diese Weise in Nazi-Deutschland ermordet worden. Kleine Menschen, die nicht leben durften, weil es den Mächtigen der Zeit nicht in den Plan passte.

Zweimal im Jahr gibt es in Velpke eine Gedenkveranstaltung, organisiert von Politik, Gewerkschaft und Kirche. Immer wieder stehen wir mit denen, die daran teilnehmen, fassungslos vor den Namen der Kinder angesichts dieser Grausamkeiten. Wir versuchen in Worte zu fassen, was eigentlich nicht aussprechbar ist. Wir fragen, warum das passieren konnte. Warum keiner etwas getan hat, obwohl alle davon gewusst haben mussten.

Der heutige Tag steht zwischen dem Tag des Kriegsendes und dem Muttertag. Ich werde morgen an Johann, Wanda, Roman und die anderen Kindern denken, die hier gestorben sind. Und natürlich an ihre Mütter, die nicht Mütter sein durften. Die wohl jeden Tag ihres Lebens an ihr Kind gedacht haben. Mütter, die uns mit ihrem Schicksal daran erinnern, wie zerbrechlich Leben ist und wie furchtbar es ist, wenn jemand meint, er hätte mehr Recht zu leben als ein anderer.

Gott schenke uns den Mut, den Mund aufzumachen, wo das geschieht.

Kindergedenkstätte auf dem Velpker Friedhof, Foto: Tanja Klettke